Gedächtnisprotokoll unseres zweiten Fachvortrags von Herrn Dr. Wolf, (Kinder -und Jugendspychiater): Die
psychologischen Aspekte des Heranwachsens von Jungen
Kinder müssen sich aus der
Symbiose der Mutter trennen. Dieses ist für beide Geschlechter schwierig, für den Jungen aber von besonderer Brisanz, da er sich von einem Geschlecht, welches nicht sein eigenes ist, trennen muss. Zur Entwicklung
der geschlechtlichen Identität muß der Vater seinen Sohn an die Hand nehmen und ihm helfen, diesen Ablösungsprozess zu bewältigen.
Die Abwesenheit der Väter ist hier für Herrn Dr. Wolf von besonderer Bedeutung. Er stellte fest, dass die Abwesenheit der Väter in der
Nachkriegszeit nicht zur Psychiatrisierung der Jungen geführt hat. Die Jungen sind mit anderen Modellen und Vorbildern konfrontiert worden: der große Bruder, der Onkel, der Ersatzvater. Der eigene Vater blieb – auch
wenn er tot war – gut.
Dr. Wolf warf weitere Fragen auf: Wie kommt ein Junge dazu, sich männlich zu identifizieren? Wie kann er sich disziplinieren? Wer vermittelt die Regeln des Zusammenlebens? In
einer Befragung von Jungen in der Psychiatrie konnte er folgende Vätertypen differenzieren:
o der große Bruder; o der Kumpel (ist eine problematische Figur); o
abwesender Vater; o der bedeutende Vater (Alleskönner); o der abgewertete Vater (wird von der Mutter als Vater nicht wahrgenommen); o der frauenverachtende Vater (als Kumpel zum Kind); o der alternative Vater (Weichei).
Jungen in der Schule Die Mädchenstärken Lesen und Kommunikation gilt als Schlüssel für Leistungsträger. Jungen bekommen in der Schule aber mehr Aufmerksamkeit als Mädchen in ihrem
Handeln als Störenfriede. Die Jungen spielen eine Rolle, die nicht mehr gefragt ist. Was von 20 Jahren als Rangelei durchging ist heute ein Gewaltvorfall. Die Normen haben sich hier deutlich geändert.
Jungen sind mehr expansiv, kräftiger. Zur Semantik von „aggressiv“: wird heute als defizitär beschrieben und so behandelt. Wolf stellt die These auf, dass Aggression ein Problem von Müttern ist. In der
Diskussion kam die Frage auf, wann ein Verhalten aggressiv sei und reglementiert werden müsse. Wolf meint, immer dann, wenn es die Unversehrtheit des Anderen verletze. Das Eingreifen hat etwas mit meiner eigenen
Verantwortlichkeit zu tun. Wann wird es mir zu viel, was kann ich als in der Situation stehende verantworten. Wenn ich als Erwachsener eingreife, muß ich den Prozeß begleiten. ICH- Botschaften geben: Ich möchte die
Situation klären. In der Diskussion wurde deutlich, dass
es zu wenig Räume für Jungen gibt, sich auszuprobieren, an die Grenzen zu gehen. Wo früher das Spiel in den Bombenruinen der Städte unbeaufsichtigt von Erwachsenen stattfand, müssen sich heute die Jungen am Computer
die Erwachsenen –freien Zonen schaffen, die ihnen den nötigen Kick geben. Das Abenteuer wird damit virtuell. Zusammenfassend sagte Wolf, Kinder brauchen klare Abmachungen, vorgelebte Autoritäten, faire Sanktionen von Erwachsenen (Chance, dass sie einsehen können, was
sie falsch gemacht haben, um Prävention zu ermöglichen), mehr Männer in der Erziehungsarbeit (Vorbild, Lebenserfahrung, Einstellung, Sprache).
Es gibt die Notwendigkeit eines Lernprozesses für Erwachsene, nicht jede Form von rangelnder Interaktion als Aggression zu
missdeuten. Vor allem Menschen, die selbst in Not sind, interpretieren es so. Das Augenmerk müsse man auf den familiären Kontext legen (Alleinerziehende, Patchworkfamilien stellt dreier Bindung in Frage).
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