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Gedächtnisprotokoll zum Vortrag von

Jens Brodauf (Sozialwissenschaftler) :

“Wie werden Jungs so, wie sie sind?“

Herr Brodauf hat auf Tischen typisches Jungsspielzeug ausgelegt. Da waren Polizeiauto, Plastikschwert, Batman- Figuren und –Comics, Schwarzenegger-Videos…

An Stellwänden hingen Werbungen, in denen Mütter und Väter mit Kindern gezeigt wurden. Bei den Müttern fand immer eine enge körperliche Nähe statt, sie schmusten, kuschelten mit ihren Kindern. Väter hingegen waren immer in Aktion mit ihren Kindern zu sehen, sie zeigten ihnen die Welt, erklärten, erweiterten den Horizont. Mütter sind in den Rollenklischees der Werbung also für das „Innen“ zuständig, Väter für das „Außen“.

Herr Brodauf stellte empirisches Material, welches die besondere Problemlage von Jungen deutlich macht, zusammen: Jungenanteil in Sonderschulen liegt zwischen 58% (Sehbehinderte, Blinde) bis 86% (Verhaltensgestörte), insgesamt bei 64%.

Bei der Verteilung der Geschlechter auf die verschiedenen Schularten sind Jungen signifikant häufiger in der Hauptschule vertreten und verlassen auch häufiger die Schule ohne Hauptschulabschluß als Mädchen, sind deutlich weniger in Gymnasien vertreten und machen seltener Abitur als Mädchen.

Auch die Mär vom „starken Geschlecht“ ist statistisch widerlegt. Die Statistik über psychische und psychosomatische Störungen bei Kindern und Jugendlichen zeigen, dass Jungen auch hier sehr anfällig sind für solche Störungen, sie in diesem Alter z.B. 3-4 mal häufiger Suizid begehen als Mädchen.

Bis zum Alter von 75 Jahren haben Jungen und Männer statistisch gesehen ein deutlich größeres Risiko zu sterben als gleichaltrige Mädchen und Frauen. Vor allem zwischen 15 und 30 Jahren ist das Todesrisiko von jungen Männern deutlich höher als das der Mädchen und Frauen, was auf ihren risikoreicheren Lebensstil hindeutet.

Das „starke Geschlecht“ ist auch bei vielen Krankheitsbildern, die im Rahmen der U-Untersuchungen für Kinder diagnostiziert werden, schwach und anfällig.

(Statistiken sind hier im Anhang verzeichnet, stammen aus folgender Quelle:

Schnack/ Neutzling: Kleine Helden in Not, Hamburg Rowohlt, 2000.)

Mit der von Theodor Storm geschriebenen Geschichte vom kleinen Häwelmann zeigt Brodauf die wichtigen Sozialisationsbedingungen auf, durch die Jungen vom „des Hauses Sonnenschein“ zum Sandkasten-Rocker werden:

      Ø Zwiespalt zwischen drinnen und draußen.

    Während Jungs zuhause kuschelig, gefühlvoll und weich sein dürften, wird außerhalb der Familie von ihnen erwartet, dass sie sich stark oder „tough“ verhalten.

      Ø Abwesender Vater

    In ihrer geschlechtlichen Identifizierung fehlt Jungen eine Männer-Identifikations-Figur, die eigentlich der Vater ist. Da Väter aber sehr selten zu den Wachzeiten der Kinder zu Hause sind, fehlt der Vater als Vorbild zur Mann-Werdung.

    Auch in Kindergärten und Grundschulen sind Männer Mangelware.

      Ø Zuviel Mutter – Überfürsorge

    Während der Vater für viele Jungen wenig präsent ist, ist die Mutter mit ihrem behütenden Verhalten für Jungen kein Vorbild, sondern sie müssen sich, da der Vater als Identifikationsfigur fehlt, in Abgrenzung zur Mutter als Nicht-Frau verhalten, oder als Nicht- nicht –Mann.

      Ø Vaterersatzfigur

    Jungen sind auf der Suche nach Idolen, Helden, Vorbildern: Rennfahrer, Sportler, Musikstars… harte, tolle Kerle, die mit ihrem wirklichen Leben und das der Männer wenig zu tun haben. Es stehen leider wenig normale Ersatzvorbilder zum Vater zur Verfügung: Opa, Onkel, Lehrer…

    Häwelmann findet den Mond, der ihn durchs Fenster in seinem Bettchen fahren

    sieht.

      Ø Jungen wollen wahrgenommen werden

    Der kleine Häwelmann ruft: „Mach die Tür auf! Ich will durch die Stadt fahren; alle Menschen sollen mich sehen.“ Aber als diese alle schliefen will er nicht warten, bis sie aufwachen, sondern er fährt in den Wald, damit die Tiere ihn fahren sehen. Um gesehen zu werden, wählen Jungen manchmal spektakuläre Aktionen, die hinterher in der Zeitung erscheinen, oder eine Klassenkonferenz nötig machen.

      Ø Jungen suchen Grenzen

    Ihre Handlungsweisen sind so, dass sie testen wollen, was noch geht, was sie noch schaffen, wie mutig sie sind, wann sie mit Erwachsenen in Konflikt geraten…

      Ø Jungen spüren sich nicht

    Es mangelt ihnen am Gefühl für den eigenen Körper, es wird von ihnen erwartet, dass sie sich die Knie aufschlagen, nicht gleich wegen jeder Schramme heulen… So laufen sie dann mit einem Kilo Sand in den Turnschuhen herum, oder brauchen im Winter keine Jacke, sie frieren nicht.

      Ø Aktionismus

    Jungen verhalten sich aktionistisch, sie suchen den Kick, wollen über ihre Taten beachtet und von Gleichaltrigen dafür bewundert werden. Der kleine Häwelmann fährt immer weiter, bis er dem Mond sogar quer über die Nase fährt. Dieser zieht sich zurück und alles wird dunkel.

      Ø Konfrontation mit der Frau

    Als der Häwelmann die aufgehende Sonne mit dem Mond verwechselt, hat diese genug von seinen Grenzüberschreitungen in ihrem Himmel „und warf ihn mitten in das große Wasser. Da konnte er schwimmen lernen.“

      Ø Heilung durch den Mann

    Brodauf stellt die These auf, dass die Heilung der Jungen nur durch den Mann

    geschehen kann. Die Männer sind gefordert, mehr Erziehung zu übernehmen,

    mehr Zeit mit ihren Söhnen und Jungs zu verbringen.

 

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